Fußballtraining hält Jugendliche in England von Straftaten fern
Kostenlose Fußballangebote in benachteiligten Stadtteilen bringen Jugendliche mit vertrauten Trainern statt mit Polizei oder Lehrern in Kontakt, wodurch sich viele eher öffnen und von riskantem Verhalten wie dem Tragen von Messern abwenden. In England und Wales fördern Polizei und Premier League gemeinsam mit über zwei Millionen Pfund binnen zwei Jahren 43 solcher Fußballclub-Programme, und in der Region Merseyside sank die Kriminalität während der Trainingszeiten um 75 bis 82 Prozent. Weil Vereine wie Leicester Nirvana FC durch feste Ansprechpersonen und verlässliche Trainingsstrukturen Vertrauen aufbauen, wirkt der Effekt über einzelne Trainingsstunden hinaus bis in Schule, Jobsuche und Alltag der Jugendlichen hinein. Weil die Ergebnisse messbar sind, ist das Programm in der Region Merseyside bereits fester Bestandteil der offiziellen Kriminalpräventions-Strategie und soll dort auch künftig junge Menschen von der Straße wegholen.
Wenn junge Menschen in Armutsvierteln aufwachsen, ohne Grünflächen, ohne organisierten Sport und mit wenig Vertrauen in Polizei oder Schule, suchen manche ihren Halt in der Straßenkriminalität. Genau hier setzen britische Fußballclubs an, die von örtlichen Behörden gebeten werden, gefährdete Jugendliche – etwa mit einer Vorgeschichte als Messerträger – in ihre Trainingsgruppen aufzunehmen.
Ivan Liburd vom Verein Leicester Nirvana FC hat genau das erlebt: Ein junger Mann, der wiederholt mit einem Messer erwischt worden war, half zunächst bei Samstagstrainings mit jüngeren Kindern mit. „Er kam zu mir, arbeitete mit mir, half den jungen Spielern“, erzählt Liburd. Am Ende sei der junge Mann freiwillig bei Regen zum Training gelaufen, habe mit den Kindern gelacht und mitgemacht – so verändert, dass selbst die Polizei überrascht war, dass er freiwillig erschien.
Liburds Erklärung: Jugendliche reagieren anders, wenn sie in ihrer eigenen Nachbarschaft mit jemandem zu tun haben, der nicht wie eine Autoritätsperson auftritt, sondern wie ein vertrauter Nachbar. Leicester Nirvana selbst stammt aus dem innerstädtischen Viertel Highfields, wo 40 Prozent der jungen Menschen in Armut aufwuchsen und es kaum Grünflächen oder organisierten Sport gab. Heute betreibt der Verein einen eigenen Rasenplatz mit Klubhaus im Vorort Hamilton, den die Vereinsführung von der Stadtverwaltung erstritten hat.
Was in Leicester als Einzelbeispiel begann, ist inzwischen Teil einer landesweiten Strategie: Über den Premier League Kicks Police Partnerships Fund stellen die Premier League und britische Polizeibehörden gemeinsam mehr als zwei Millionen Pfund über zwei Jahre bereit, verteilt auf 43 Fußballvereins-Wohltätigkeitsorganisationen in England und Wales. In der Region Merseyside hat die Police and Crime Commissioner (die gewählte Polizeiaufsicht der Region) Emily Spurrell Fußballförderung offiziell zum Bestandteil ihrer Kriminalpräventions-Strategie gemacht und arbeitet dafür mit Premier League Kicks und der Wohltätigkeitsorganisation Everton in the Community zusammen.
Der Effekt ist messbar: Während mehr als 30 kostenloser wöchentlicher Trainingseinheiten für Acht- bis 19-Jährige sinken antisoziales Verhalten und Kriminalität in der Region laut Everton in the Community um 75 bis 82 Prozent gegenüber sonstigen Zeiten. Eine unabhängige Untersuchung der Carnegie School of Sport an der Leeds Beckett University fand zudem, dass 93 Prozent der Teilnehmenden glauben, das Programm habe ihnen geholfen, weniger Ärger zu bekommen, und 86 Prozent sehen dadurch bessere Berufschancen und mehr Selbstvertrauen im Umgang mit Gruppen. Mehr als 300 ehemalige Teilnehmende arbeiten inzwischen selbst für die Vereins-Wohltätigkeitsorganisationen.
Der Nutzen reicht über die Kriminalprävention hinaus: Seit der Corona-Pandemie sind Angststörungen, Depressionen und Einsamkeit bei Kindern wie Erwachsenen gestiegen, während Übergewicht ein anhaltendes Gesundheitsproblem bleibt. Laut der Football Foundation spielen in England mehr als 15 Millionen Menschen regelmäßig Fußball, was einen gesellschaftlichen Wert von 15,9 Milliarden Pfund erzeugt, darunter 3,2 Milliarden Pfund an eingesparten Gesundheitskosten. „Wenn junge Menschen etwas Positives bekommen, das sie einbindet, mit verlässlichen Vorbildern und klaren Erwartungen, sehen wir echte, messbare Rückgänge bei antisozialem Verhalten und Kriminalität, von denen ganze Stadtteile profitieren“, sagt Spurrell. Liburd bringt es einfacher auf den Punkt: Fußball sei der zugänglichste Sport im Land, man müsse nur kommen – der Rest ergebe sich aus Gemeinschaft und Bewegung, nicht aus sportlicher Höchstleistung.
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