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Indien kartiert erstmals alle seine Graslandschaften

Statt sie als „Ödland" abzustempeln, lässt Indien seine artenreichen Graslandschaften jetzt landesweit erfassen.

Wiesen, Savannen und Buschland wirken auf den ersten Blick leer und wertlos – dabei speichern ihre tief reichenden Wurzelsysteme Kohlenstoff, stabilisieren den Boden und lassen Regenwasser versickern. Weltweit bedecken solche offenen Graslandschaften mehr als die Hälfte der Landfläche der Erde, ernähren laut UN-Umweltprogramm UNEP rund zwei Milliarden Menschen und liefern 16 Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion.

In Indien wurden diese Flächen historisch trotzdem als „Ödland" eingestuft – eine Klassifizierung, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammt, als Behörden nur Wälder als wirtschaftlich wertvoll ansahen. Die Folge: Indiens Graslandschaften schrumpften von schätzungsweise 110 Millionen Acres im Jahr 1880 auf nur noch rund 60 Millionen Acres im Jahr 2010. Weniger als 5 Prozent der halbtrockenen Graslandschaften des Landes stehen bislang unter Schutz, wie eine Studie der Forscherin Abi Vanak vom Ashoka Trust for Research in Ecology and the Environment aus dem Jahr 2023 zeigte.

Das ändert sich nun. Im April wies Indiens National Board for Wildlife die Regierungsbehörden erstmals an, Ausdehnung und Artenvielfalt der Graslandschaften landesweit zu kartieren. Die Ergebnisse sollen in einem Atlas der Graslandschaften veröffentlicht werden, auf dessen Grundlage ein nationaler Schutzrahmen entstehen soll. „Das ist eine längst überfällige Anerkennung", sagt Vanak – die Entscheidung signalisiere einen echten Wandel im Denken der Regierung über diese Ökosysteme.

Der indische Kurswechsel steht nicht allein. 2024 veröffentlichten die Vereinten Nationen ihren „Global Land Outlook"-Bericht, der das ungenutzte Potenzial von Weideland für Klimaschutz und ländliche Entwicklung hervorhob, und das laufende Jahr ist von den UN offiziell zum Internationalen Jahr der Weideländer und Hirtenvölker erklärt worden. Auch anderswo zeigen sich Erfolge: In Kasachstan hat die Altyn-Dala-Initiative rund 12 Millionen Acres Steppenland geschützt und die Population der bedrohten Saiga-Antilope wieder wachsen lassen, in den USA hat die National Audubon Society mehr als 20.000 Acres Grasland in den nördlichen Great Plains wiederhergestellt.

Der Wandel bleibt fragil. Erst 2024 hatte eine neue indische Regelung Ödland-Flächen für private Aufforstungsprojekte geöffnet, die vor allem dem Verkauf von CO2-Zertifikaten dienen – zulasten von Wildtieren und Hirtengemeinschaften. Wie schwierig die Umsetzung vor Ort ist, zeigt sich nahe der Stadt Pune, wo eine wachsende Zufahrtsstraße, eine geplante Flughafen-Anbindung und steigende Grundstückspreise dazu führen, dass Landbesitzer ihre Flächen einzäunen und damit Schafe und Wildtiere aussperren. Betroffen sind unter anderem Vogelarten wie der Indische Rennvogel, dessen Bestand laut der Weltnaturschutzunion IUCN um mehr als 70 Prozent eingebrochen ist, weil sein Lebensraum verschwindet. Immerhin hat auch der indische Bundesstaat Maharashtra im Mai erstmals Richtlinien erlassen, die Graslandschaften als eigenständige Ökosysteme anerkennen, die gezielt statt mit pauschalen Baumpflanzungen wiederhergestellt werden sollen. „Die Haltung der Regierung ändert sich langsam", sagt der Naturschützer Godbole vom Grasslands Trust, „aber vor Ort muss es schneller vorangehen.

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„Indien hat jahrzehntelang seine eigenen Graslandschaften als „Ödland" abgestempelt. Jetzt werden sie zum ersten Mal überhaupt kartiert."

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