Wie eine Kettenreaktion aus Spenden Nierenkranke rettet
Ein cleveres System aus 'Spendenketten' und Gutscheinen verhilft in den USA jährlich Tausenden zu einer passenden Nierenspende.

Mark Scotch lernte 2020 in einer Bar in Louisiana einen Fremden kennen – und spendete ihm am Ende eine Niere. Hugh Smith hatte beiläufig erwähnt, dass er jede Nacht zehn Stunden an der Dialyse verbringt, weil nur eine Nierentransplantation sein Leben verändern könnte. „Es kippte von einem schönen Gespräch zu dem Gedanken: Das Leben dieses Mannes ist gerade furchtbar", erinnert sich Scotch. Er bot spontan eine seiner eigenen Nieren an.
Was wie ein Einzelfall klingt, ist tatsächlich Teil eines größeren, seit rund 20 Jahren gewachsenen Systems. Weltweit warten Millionen Menschen auf eine Spenderniere; allein in den USA sind es mehr als 90.000, und täglich sterben 12 bis 17 Menschen auf der Warteliste, während Nierenerkrankungen zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit zählen. Viele Betroffene finden zwar bereitwillige Spender:innen im eigenen Umfeld – doch medizinisch passt im Schnitt jede dritte dieser Personen nicht zum vorgesehenen Empfänger.
Genau für dieses Problem entwickelte eine Gruppe um den Transplantationschirurgen Dr. Mike Rees seit den frühen 2000er-Jahren das sogenannte „Paired Donation"-Verfahren: Ein Algorithmus tauscht unpassende Spender-Empfänger-Paare untereinander, sodass am Ende beide Seiten eine passende Niere erhalten – schätzungsweise 20 bis 30 Prozent mehr Transplantationen werden dadurch möglich. Der Wirtschaftswissenschaftler Alvin Roth, der 2012 unter anderem für diese Arbeit den Nobelpreis erhielt, entwickelte gemeinsam mit Rees das dazugehörige computergestützte Zuordnungssystem.
2007 folgte der nächste entscheidende Schritt: eine Spendenkette, bei der die Operationen nicht mehr gleichzeitig stattfinden mussten. Jedes Paar erhält zuerst eine Niere, bevor es selbst spendet – bricht die Kette später ab, hat das Paar trotzdem bereits sein Organ erhalten. Die erste solche Kette führte zu zehn Transplantationen und wuchs binnen drei Jahren auf 26 an.
Aus dieser Grundlage entstand 2014 das „Voucher"-System des National Kidney Registry, das Smith und Scotch 2020 entdeckten: Wer spendet, kann einer nahestehenden Person damit später Vorrang auf der Warteliste sichern – lokal, zum selbst gewählten Zeitpunkt, ohne dass beide Operationen gleichzeitig oder am selben Ort stattfinden müssen. Scotch spendete daraufhin an eine ihm unbekannte Person in seiner Nähe, während Smith fünf Monate später über das System eine eigene, passende Niere erhielt.
„Das war für mich ein Umdenken", sagt Rees über die Anfangszeit, als er noch skeptisch war, ob Menschen ihren Teil der Abmachung tatsächlich einhalten würden. Die Praxis zeigt: Wer sich bereits für eine Spende an einen geliebten Menschen entscheidet, gehört ohnehin zu den selteneren, besonders großzügigen Menschen – Betrugsfälle sind laut Rees „extrem selten".
Heute forschen Roth und andere bereits an der nächsten Ausbaustufe: Ketten, die künftig auch mit Organen verstorbener Spender in den USA gestartet werden können, sowie an einer Ausweitung des Modells auf Länder wie Brasilien und Indien, in denen Organspenderegeln bislang deutlich restriktiver sind.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
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„Er traf in einer Bar einen Fremden im Dialyse-Alltag. Danach spendete er ihm eine Niere – über ein System, das Tausenden hilft."
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