Paris befreit vergrabenen Fluss – als Schutz vor Hitze
Vier Kilometer der Bièvre sind bereits wieder offen – sie soll Paris bei Hitzewellen und Starkregen schützen.

Nur knietief, aber breit fließt die Bièvre an einem Junitag durchs Pariser Umland, das Wasser klar genug, dass sich ein Schwarm Fische im Sonnenlicht erkennen lässt. Libellen jagen über den Wiesen am Ufer, Vögel wechseln zwischen den Gräsern – ein Bild, das man einem Fluss mitten in einem der am dichtesten besiedelten Ballungsräume Europas kaum zutrauen würde.
Über ein Jahrhundert lang war von alldem nichts zu sehen. „Das hier war früher komplett zubetoniert", sagt Marie Bontemps, die an einem Uferabschnitt in der Pariser Vorstadt Haÿ-les-Roses entlangläuft, während eine rekordheiße Hitzewelle über Frankreich hinwegzieht. „Aber wir befreien die Bièvre."
Die Bièvre, ein 36 Kilometer langer Nebenfluss der Seine, versorgte über Jahrhunderte Klöster, Gerbereien, Färbereien und Wäschereien mit kalkfreiem Wasser und war damit ein wirtschaftlicher Motor der Region. Doch genau diese Nutzung richtete den Fluss zugrunde: Die Industrien verschmutzten das Wasser so stark, dass die Pariser Behörden ihn aus Gründen des Gesundheitsschutzes bis 1912 innerhalb der Stadt komplett in Beton fassten und in die Kanalisation integrierten. Außerhalb der Stadt wurde der Rest bis 1935 verschlossen. „Wir haben ihn verschwinden lassen, als wäre es die Schuld des Flusses", sagt Raphaël Morera, Historiker und Ko-Direktor des nationalen Forschungszentrums CNHR, das sich unter anderem mit der Geschichte der Bièvre beschäftigt.
Erst in den 1980er-Jahren begann sich die öffentliche Meinung zu drehen. Bürgerinitiativen forderten, den Fluss aus seinem Betonkorsett zu befreien, und die Idee setzte sich allmählich auch bei Behörden durch – bis ein nationales Gesetz aus dem Jahr 2006 die Renaturierung von Flüssen offiziell zur Priorität erklärte, aufbauend auf einer EU-Wasserrichtlinie aus dem Jahr 2000.
Heute ist die Rückkehr der Bièvre bereits weit fortgeschritten: Fast vier Kilometer des Flusses wurden bislang wieder freigelegt oder für den Wasserlauf geöffnet. In Haÿ-les-Roses wurden die Ufer neu gestaltet und bepflanzt, um Lebensräume für Tiere zu schaffen, in den Gemeinden Arcueil und Gentilly entstand eine Rückhaltefläche für Hochwasser, deren Wasserqualität regelmäßig kontrolliert wird. Im Zentrum von Paris soll bis 2028 ein weiteres Teilstück im Kellermann-Park geöffnet werden.
Bontemps, die für die zuständige Behörde SMBVB arbeitet, kümmert sich unter anderem darum, dass private Haushalte in Haÿ-les-Roses ihre Abwasserleitungen von der Bièvre auf reguläre Kläranlagen umstellen – viele Toiletten waren bislang direkt an den Fluss angeschlossen. Diese und ähnliche Maßnahmen zeigen messbare Wirkung: Zwischen 2020 und 2024 sank die in die Bièvre eingeleitete Abwassermenge um den Umfang dessen, was rund 2.400 Menschen täglich produzieren würden.
Ganz sichtbar wird die Bièvre in Paris nie wieder werden – in Teilen der Stadt liegt sie 10 bis 15 Meter unter Straßen, Häusern und U-Bahn-Gleisen, die sich nicht einfach verlegen lassen. Doch überall dort, wo Fuß- und Radwege entstehen und der Fluss wieder ans Tageslicht kommt, soll er nach und nach das Verhältnis der Menschen zur Natur in ihrer Stadt verändern.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
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„Paris hat einen Fluss, der über 100 Jahre unter Beton verschwunden war, teilweise wieder freigelegt – fast 4 Kilometer sind schon offen."
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