Bergveilchen verwandeln giftige Böden in saubere Lebensräume
Metallophyten auf 450 Hektar in Nordengland binden Blei und Zink in unschädliche organische Verbindungen.

In den Grafschaften Durham, Cumbria und den North Pennines blühen auf rund 450 Hektar Land wilde Stiefmütterchen, die eigentlich gar nicht dort sein dürften. Der Boden ist verseucht mit Blei, Zink und Cadmium – Relikte eines Bergbaus, der hier seit der Römerzeit betrieben wurde und erst vor über 100 Jahren endete. Doch genau hier hat sich ein seltenes Ökosystem entwickelt: die sogenannten Calaminaria-Graslandschaften. Ihre Schlüsselart ist das Bergveilchen (Viola lutea), das wie viele andere Metallophyten Schwermetalle aus dem Boden aufnimmt und in seinen Wurzeln in komplexe organische Verbindungen einbaut. Dadurch werden die Gifte nicht nur immobilisiert, sondern tatsächlich in ungiftige Substanzen umgewandelt. Die Pflanzen leisten damit eine natürliche Sanierung, die sonst Millionen kosten würde. Neben dem Bergveilchen wachsen hier auch Frühlingsmiere, Alpen-Täschelkraut, Strand-Grasnelke und Taubenkropf – alles Arten, die auf belasteten Böden gedeihen. Die Behörden stehen vor einem Dilemma: Einerseits wollen sie die Schwermetallbelastung in Flüssen und Bächen senken, andererseits sind genau diese belasteten Flächen wertvolle Mikrohabitate geworden. In der Grafschaft Durham hat das staatliche Programm „Water and Abandoned Metal Mines“ (WAMM) begonnen, gezielt neue Calaminaria-Graslandschaften anzulegen. Tausende Metallophyten werden um alte Abraumhalden gepflanzt, um zu verhindern, dass Schwermetalle in den Fluss Tees und die umliegenden Böden ausgewaschen werden. Die Pflanzen wirken wie ein lebendiger Filter. Während Pilze bereits für ihre Fähigkeit bekannt sind, Industrieabfälle zu reinigen, ist dieser Ansatz mit Vegetation neu. Die englischen Grafschaften müssen nun entscheiden, wie sie diese paradoxen Orte bewerten: Ihre Existenz beruht auf giftigen Schadstoffen, doch die Pflanzen machen aus ihnen etwas Nützliches. Die natürliche Sanierung durch Metallophyten könnte ein Vorbild für andere belastete Regionen Europas sein – und zeigt, dass selbst auf vergifteten Böden neues Leben entstehen kann.
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