Kriegs-Ukraine renaturiert Steppe mit Wildeseln
63 Konik-Pferde, 20 Rothirsche und 35 Kulan-Esel wurden ausgewildert – sie senken Brandrisiko und fördern Artenvielfalt.

Mitten im Krieg pflanzt die Ukraine die Zukunft – im wahrsten Sinne des Wortes. In der Tarutino-Steppe im Südwesten des Landes, nahe der Schwarzmeerküste, läuft ein Renaturierungsprojekt, das zeigt, dass die Natur auch in Zeiten der Zerstörung eine zweite Chance bekommt. Die Organisation Rewilding Ukraine hat dort seit 2017 insgesamt 63 Konik-Pferde, 20 Rothirsche, 30 Damhirsche, 20 Wasserbüffel, zehn Hucul-Pferde und 35 Kulan-Esel ausgewildert. Kulan sind eine Wildeselart, die früher von der Ukraine bis nach China verbreitet war, aber durch Jagd und Landwirtschaft fast verschwunden ist.
Die Tiere sind nicht nur schön anzusehen – sie erfüllen eine wichtige ökologische Aufgabe. Die Steppe war jahrzehntelang intensiv landwirtschaftlich genutzt worden, vor allem für Getreide und Sonnenblumen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden viele Flächen aufgegeben und verbuschten. In der trockenen Sommerhitze, die durch den Klimawandel noch extremer wird, brachen immer häufiger Brände aus – eine Gefahr, die durch die vielen Minen aus dem Krieg noch tödlicher wird. Die großen Weidetiere fressen das trockene Gras und schaffen so natürliche Brandschneisen. Ihr Kot düngt den Boden, verbessert die Wasserspeicherung und senkt die Brandgefahr weiter.
„Die natürliche Beweidung durch die Kulan hat sehr positive Effekte auf die Steppe“, sagt Petro Hramatik, ein Dorfbewohner, der die Tiere regelmäßig beobachtet. „Sie reduzieren übermäßige trockene Vegetation, schaffen vielfältigere Pflanzenstrukturen und öffnen Raum für andere Arten.“ Das Projekt wird von Rewilding Europe und der Universität Cambridge unterstützt. Satellitenbilder zeigen, dass auf Flächen mit großen Weidetieren doppelt so viel Kohlenstoff im Boden gespeichert wird wie auf Flächen ohne sie.
Neben dem ökologischen Nutzen hat das Projekt auch eine soziale Dimension. Der Krieg hat den Tourismus in der Region völlig zum Erliegen gebracht – die Einnahmen fehlen. Rewilding Ukraine bereitet daher die Infrastruktur für einen Neustart vor: Es entsteht ein Ökopark mit Aussichtstürmen und geführten Touren, um die Tiere zu beobachten. „Die Wiederherstellung der Natur ist auch für die Gemeinschaften wichtig“, sagt Mykhailo Nesterenko, Leiter von Rewilding Ukraine. „Ein gesundes Ökosystem eröffnet die Möglichkeit für naturbasierte Geschäfte wie Tourismus.“
Das Projekt zeigt, dass Naturschutz und Krieg kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil: Die wiederhergestellte Steppe könnte nach dem Krieg eine neue Lebensgrundlage für die Menschen bieten. „Unsere Renaturierungsbemühungen im Donaudelta zeigen, dass die Natur der Ukraine genauso widerstandsfähig ist wie ihr Volk“, sagt Nesterenko. „Ich bin zuversichtlich, dass sich beide erholen werden, wenn der Krieg endet.“
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