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Mittelwald: uralte Waldform kehrt zurück

Im Stadtwald Bad Windsheim zeigt ein Förster, wie Vielfalt statt Monokultur gelingt.

Im Stadtwald von Bad Windsheim zeichnet das Sonnenlicht große, helle Kreise auf den Boden. Auf einer fast kahl geschlagenen Fläche machen sich zwischen einigen älteren, hochgewachsenen Eichen zahlreiche junge Triebe, Sträucher und Gräser breit. Hier und da ragen tote Bäume wie Skelette in den Himmel. Es ist ungewöhnlich licht für einen Wald. Statt nach feuchtem, humusreichem Boden riecht es süßlich nach Heckenrosen und Walderdbeeren. Unzählige Insekten schwirren umher, die Vögel singen ein vielstimmiges Lied. Hier wächst kein dichter Forst aus überwiegend gleich alten Bäumen, sondern ein Mittelwald – eine jahrtausendealte, fast vergessene Landschaftsform, die Vielfalt statt Gleichförmigkeit ausstrahlt. Nur rund ein Prozent der deutschen Waldfläche wird so bewirtschaftet. Das 1500 Hektar große Gebiet wirkt wie eine Mischung aus Wald und Wiese. Und genau das ist sein Prinzip.

Für Sven Finnberg ist dieser Wald ein Erfolgsmodell, das Nachahmer finden sollte. Finnberg ist der Stadtförster von Bad Windsheim, einer kleinen Stadt zwischen Nürnberg und Würzburg mit gut 12.500 Einwohnern. Doch wer ihm zuhört, merkt, dass der Begriff nicht annähernd die Rolle beschreibt, die er hier übernimmt. Der 58-Jährige scheint gleichzeitig oberster Naturschützer, Biodiversitätsexperte und Bildungsbeauftragter zu sein. Er sieht sich als Botschafter für die Mittelwaldwirtschaft, die auch in Bad Windsheim vor vielen Jahrzehnten aufgegeben wurde und nun erst durch ihn langsam ins Bewusstsein zurückkehrt. Dabei handelt es sich um einen Kompromiss zwischen einem Hochwald mit großen, alten Bäumen und einem Niederwald mit niedrigen, jungen Bäumen.

Es gibt kaum einen Quadratmeter Wald in Deutschland, um den nicht gestritten wird. Waldbesitzer gegen Naturschützer, Jäger gegen Förster, Erholungssuchende gegen Ökologen. Oft gibt es Konflikte darüber, was überhaupt ein Wald ist, wie er aussehen, riechen und wie er bewirtschaftet werden soll. Wird ein Wald besser sich selbst überlassen oder fortwährend aufgeräumt? Welchen Tieren und Pflanzen sollte er Heimat bieten? Mit welchen Baumarten lässt sich der Wald klimawandelresilient gestalten? Wie ist mit Flächen umzugehen, über die der Borkenkäfer hergefallen ist? Dürfen Bäume gefällt werden, um dort Windräder aufzustellen?

Sven Finnberg könnte darüber etliche Bücher schreiben. Über viele Jahre hinweg stand er zwischen den Fronten – zwischen Ökologie und Forstwirtschaft, zwischen Tradition und Moderne. Denn während Mittelwälder wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, sind sie aus ökologischer Sicht umso wertvoller. In einem Mittelwald wie dem in Bad Windsheim gibt es alte und junge Bäume, große und kleine, kranke und gesunde, lebende und tote. Es gibt Nadelbäume und Laubbäume, sogar Obstbäume, aber auch Bereiche, in denen man fast keinen Baum antrifft. Das klingt nach Willkür, folgt allerdings strengen Regeln.

Welche Regeln gelten, zeigt sich an der ersten Wegkreuzung, an der ein Spaziergang durch den Wald beginnt. Hier stoßen vier Waldgebiete aneinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im ersten Quadranten, einer Fläche von rund vier Hektar, sind zwischen den einzeln aufragenden Bäumen Stümpfe zu sehen, dazwischen liegen aufgetürmt einige Reisighaufen. »Diese Fläche wurde in diesem Jahr geschlagen«, erklärt der Förster. Stehen bleiben durften nur solche Bäume, die entscheidend dafür sind, die Vielfalt des Waldes aufrechtzuerhalten: Das kann beispielsweise eine seltene Baumart sein, eine, die besonders vielen Insekten Heimat bietet, oder auch ein abgestorbenes Exemplar, in dem zahlreiche oder besonders seltene Käfer leben. Aber nicht nur das Totholz lockt kleine Wildnisbewohner an. Tagfalter, Wildbienen und Hummeln profitieren außerdem von den zahlreichen Blüten, die sich auf der kahl geschlagenen Fläche ausbreiten.

Ein herkömmlicher Hochwald ist dagegen beinahe langweilig. Dort stehen die Bäume in gleichmäßigen Reihen, oft alle von derselben Art und in ähnlichem Alter. Diese Monokulturen erleichtern die Pflege und die Holzernte, bergen jedoch ökologische Risiken: Sie sind anfälliger für Schädlinge, Feuer und Sturmschäden. Das liegt daran, dass sich spezialisierte Schädlinge in einem einheitlichen Bestand besonders schnell ausbreiten können, da ihnen überall die gleiche Nahrungsquelle zur Verfügung steht. Zudem fehlt das Zusammenspiel verschiedener Arten, das in vielfältigen Wäldern hilft, Bestände zu regulieren, Schäden zu begrenzen und das System insgesamt stabiler zu machen. Unterwuchs und Totholz spielen meist nur eine untergeordnete Rolle. Entsprechend gibt es kaum Lebensräume für Insekten, Vögel und Pilze.

Und dann ist da noch das emotional überladene Traumbild vom dichten, charaktervollen Urwald, wie ihn die Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts besungen und in Kunst und Literatur verewigt haben: »Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald«, »Ein Männlein steht im Walde«, »Abendlich schon rauscht der Wald«. Die Vorstellung von einem Wald, in dem sich Baumriesen wie Säulen erheben, das Licht kaum das grüne Blätterdach durchdringt und in dem die Natur scheinbar unberührt bleibt, ist vor allem hierzulande weitverbreitet und erschwert es, Debatten um den Erhalt von Wäldern rational zu führen.

Befeuert werden solche Vorstellungen durch populäre Naturliteratur. Der Autor und Förster Peter Wohlleben ist das bekannteste Beispiel dafür. Seine Bücher vermitteln ein sehr vermenschlichtes Bild vom Wald: Bäume »kommunizieren«, »helfen einander« und bilden eine »Gemeinschaft«. Diese Narrative sprechen das Bedürfnis nach Harmonie und Ursprünglichkeit an, sind aber aus wissenschaftlicher Sicht oft stark vereinfacht oder metaphorisch überhöht. Ein völlig geschlossenes Kronendach wäre für viele Arten problematisch: Ohne Licht am Boden könnten keine jungen Bäume nachwachsen, und zahlreiche Pflanzen, Insekten und Vögel, die auf offene Strukturen angewiesen sind, würden verschwinden.

Christian Ammer, Professor für Waldbau und Waldökologie an der Georg-August-Universität Göttingen, kritisiert Wohllebens Thesen daher deutlich. Vieles in den Büchern sei »Spekulation« und von keinen wissenschaftlich überprüfbaren Studien gedeckt. »Ich finde es beängstigend, dass es offenbar ausreicht, einfach nur wiederholt etwas zu behaupten, um unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Aussage Anklang zu finden, sofern die Botschaft das Gefühl und die Erwartung der Leute trifft«, sagt er.

Ammer setzt sich für eine faktenbasierte und vor allem sachliche Diskussion über den Zustand, die Pflege und den Fortbestand der deutschen Wälder ein. »Wir leben in einem sehr dicht besiedelten Land mit einer sehr begrenzten Waldfläche«, sagt er. Die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen wiederum hätten sich in den zurückliegenden 100 Jahren sehr stark verändert und seien vielfältiger geworden. »Früher wollte man vielleicht Pilze und Beeren sammeln und etwas Feuerholz aus dem Wald holen. Heute steht hinter jedem Baum jemand, der etwas anderes will.« Das gelte es zu koordinieren.

Zurück im Mittelwald von Bad Windsheim. Der zweite Quadrant an der Wegkreuzung ist mannshoch bewachsen mit Sträuchern und Büschen, dazwischen recken sich vereinzelt junge Bäume in den Himmel: Eine Kirsche ist zu erkennen, eine kleine Eiche, etwas weiter hinten lehnt sich der Stamm eines umgeknickten und offensichtlich abgestorbenen Baums an seinen hochgewachsenen Nachbarn an. »Diese Fläche wurde im vorigen Jahr geschlagen«, erklärt Finnberg. Die Aussage überrascht. Eichentriebe, die bereits anderthalb bis zwei Meter hoch sind? Wie kann das sein? Nach dem Schlag erwacht neues Leben. Zur Erklärung zeigt Finnberg auf einen Baumstumpf. An seiner Seite ragt ein Trieb in die Höhe, er ist bereits 20 bis 30 Zentimeter hoch.

Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.

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„Stell dir einen Wald vor, der aussieht wie ein bunter Flickenteppich – voller Leben, Licht und alter Bäume. Genau den gibt es in Bad Windsheim."

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