Niederländische Kinder sind die glücklichsten der Welt
Unicef-Studie: Soziale Beziehungen, Teilzeitkultur und Fahrradfreiheit als Erfolgsfaktoren

Niederländische Kinder sind laut dem aktuellen Unicef-Index für Kinderwohlbefinden die glücklichsten in der entwickelten Welt – und das bereits zum wiederholten Mal. Die Studie, die nur Industrienationen vergleicht, zeigt, dass die Niederlande in puncto Kinderglück konstant an der Spitze liegen. Dr. Margreet de Looze, Assistenzprofessorin für interdisziplinäre Sozialwissenschaften an der Universität Utrecht, hat die Entwicklung über Jahre verfolgt und sieht einen zentralen Grund: „Wo niederländische Kinder wirklich herausstechen, sind ihre sehr guten sozialen Beziehungen. Die Unterstützung, die sie von Familie, Freunden, Lehrern und Mitschülern erhalten – in all diesen Bereichen schneiden niederländische Kinder hoch ab.“
Ein entscheidender Faktor ist die Arbeitskultur: Die Niederlande gelten als „Teilzeit-Hauptstadt Europas“. Viele Eltern – Männer wie Frauen – arbeiten in Teilzeit. Das schafft Zeit für die Familie und stärkt die Bindung. De Looze betont: „Für Kinder ist das wertvoll, es bringt die Familie näher zusammen. Aber es ist nicht für alle möglich.“ Hinzu kommt eine niedrige Mobbingrate an Schulen, die unter anderem durch ein generelles Smartphone-Verbot begünstigt wird. Auch die Gleichstellung der Geschlechter spielt eine Rolle: In gender-gleicheren Ländern sind laut Forschung sowohl Jungen als auch Mädchen glücklicher – ein Effekt, der über die reine Mädchenförderung hinausgeht.
Die liberale Erziehungshaltung der Niederländer trägt ebenfalls zum Wohlbefinden bei. Eltern fördern die Autonomie ihrer Kinder, bleiben aber involviert. „Es gibt die Überzeugung, dass gemeinsame Entscheidungsfindung mehr Wirkung hat“, erklärt de Looze. „Wenn Eltern Regeln aufstellen, aber die Kinder in deren Gestaltung einbeziehen, sind diese eher bereit, sie zu befolgen.“ Diese Offenheit zeigt sich auch im Umgang mit Drogen: Statt Verbote zu erlassen, setzt man auf Aufklärung. Laut „Our World In Data“ haben nur 0,9 % der Niederländer eine Drogenstörung, verglichen mit 3,8 % in den USA oder 1,7 % in Großbritannien.
Die gebaute Umwelt unterstützt die Unabhängigkeit der Kinder. Niederländische Städte sind menschengerecht gestaltet, mit Fahrradwegen statt Autobahnen. Kinder fahren oft schon mit neun Jahren allein zur Schule. „Für Kinder bedeuten Fahrräder Freiheit“, sagt Bea Nicholls-Lee, eine 15-Jährige, die in Amsterdam aufwuchs. „Ein Fahrrad hat meine Kindheit definitiv verbessert, weil ich weniger von meinen Eltern abhängig war und mehr Freiheit hatte, die Stadt mit Freunden zu erkunden.“ Auch das Gesundheitssystem legt früh den Grundstein: Nach der Geburt kommt eine kraamzorg (Wochenbettpflegerin) für etwa eine Woche nach Hause, um die Mutter zu unterstützen – ein Service, der über die Krankenversicherung abgedeckt ist.
Doch es gibt auch Schattenseiten. Seit der Pandemie verzeichnen die Niederlande einen leichten Rückgang des Wohlbefindens, den De Looze auf steigenden schulischen Leistungsdruck zurückführt. „Früher hatten niederländische Kinder von allen Ländern den geringsten Schulstress – das ist nicht mehr der Fall. Kinder sind heute gestresster, gute Noten zu bekommen und ihre Hausaufgaben zu machen.“ Besonders Mädchen sind betroffen. Zudem weist Liesbeth Levy, Direktorin des Wissenszentrums für kulturelle Bildung Rotterdam, auf die anhaltende Kinderarmut hin: „Es gibt immer noch viele Menschen, die hier in Armut aufwachsen.“ Trotz dieser Herausforderungen bleibt das niederländische Modell ein weltweit beachtetes Beispiel dafür, wie strukturelle Rahmenbedingungen – von der Arbeitszeitkultur über die Stadtplanung bis zur Erziehungshaltung – das Wohlbefinden von Kindern nachhaltig fördern können.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
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