Lesen lernen verändert das Gehirn – und das Hören
Studie zeigt: Wer lesen kann, verarbeitet unbekannte Laute anders – mit einem speziellen Hirnareal.

Lesen ist mehr als Buchstaben entziffern – es verändert das Gehirn grundlegend. Das zeigt eine neue Studie im Fachjournal Cortex, durchgeführt von der Kognitionswissenschaftlerin Mariana P. Nucci an der Universität São Paulo. Die Forscherin untersuchte drei Gruppen: 23 junge Erwachsene mit hohem Bildungsgrad, 21 ältere Erwachsene mit hohem Bildungsgrad und 15 ältere Erwachsene, die funktional des Lesens und Schreibens unkundig waren – sie konnten zwar einzelne Schilder oder Buchstaben erkennen, aber keinen zusammenhängenden Text verstehen.
Alle Teilnehmer durchliefen zwei Hörübungen in einem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT), der die Gehirnaktivität sichtbar macht. Zuerst hörten sie eine portugiesische Geschichte und sollten ein bestimmtes Wort erkennen – in ihrer Muttersprache, mit vertrauten Klängen und Bedeutungen. Hier schnitten alle Gruppen ähnlich ab, die funktionalen Analphabeten fanden das Zielwort in etwa 90 Prozent der Fälle. Dann wiederholten sie die Aufgabe mit japanischen Lauten, die keiner der Teilnehmer verstand – eine reine Klangfolge ohne jeden Sinn.
Der Unterschied war dramatisch: Die funktionalen Analphabeten erkannten das Zielwort nur in 17 Prozent der Fälle, die älteren Gebildeten in 48 Prozent, die jungen Gebildeten in 75 Prozent. Die Gehirnscans zeigten, warum: Bei der japanischen Aufgabe aktivierten die gebildeten Erwachsenen den rechten unteren Frontallappen – eine Region auf der rechten Gehirnhälfte, die das Gegenstück zum Broca-Areal auf der linken Seite ist, das für Sprachproduktion und -verständnis zuständig ist. Bei den funktionalen Analphabeten blieb diese Region stumm.
Die Forscher interpretieren das so: Lesen trainiert eine Fähigkeit, die Phonologisches Bewusstsein heißt – die Fähigkeit, Wörter bewusst in ihre Einzellaute zu zerlegen und damit zu arbeiten. Das braucht man, um Reime zu erkennen, Silben zu zählen oder ein unbekanntes Wort zu entziffern. Diese Fähigkeit wird durch Leseunterricht systematisch aufgebaut – und sie aktiviert offenbar ein spezifisches Hirnareal, das beim Hören unbekannter Laute hilft. Wer nie lesen gelernt hat, hat diesen „Reserve-Schaltkreis“ nicht.
Die Studie hat Grenzen: Die Gruppe der funktionalen Analphabeten war mit 15 Personen klein, und die Autoren weisen selbst darauf hin, dass diese Menschen oft weniger wirtschaftliche Ressourcen und mehr chronischen Stress erleben – beides beeinflusst die Gehirnentwicklung unabhängig von der Lesefähigkeit. Dennoch liefert die Arbeit einen konkreten, lokalisierbaren Unterschied im Gehirn, der direkt mit der Lesekompetenz zusammenhängt. Das ist ein präziseres Ergebnis als viele frühere Studien in diesem Bereich.
Für die Bildungspraxis bedeutet das: Lesenlernen ist nicht nur ein Werkzeug für den Zugang zu geschriebener Information, sondern eine Art kognitives Training, das die Hörverarbeitung grundlegend verändert. Wer lesen kann, hört anders – und das könnte erklären, warum Alphabetisierungsprogramme oft weitreichendere positive Effekte haben als erwartet.
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