Neuer Katalog zeigt gefährlichste Viren
Forscher haben 239 RNA-Viren identifiziert, die Menschen infizieren – und bewertet, welche Pandemie-Potenzial haben.

Wissenschaftler entdecken jedes Jahr zwei bis drei neue Viren, die Menschen befallen. Die meisten verschwinden wieder, ohne dass wir je von ihnen hören. Doch manche – wie HIV-1 oder SARS-CoV-2 – lösen verheerende Pandemien aus. Ein Team der Universität Edinburgh hat nun einen Katalog aller 239 RNA-Viren erstellt, die Menschen infizieren können. RNA-Viren haben ihr Erbgut in Form von RNA (Ribonukleinsäure) gespeichert, ähnlich der DNA, aber weniger stabil – was sie anfälliger für Mutationen macht. Die Forscher bewerteten jedes Virus danach, wie leicht es sich zwischen Menschen ausbreiten kann. Denn nur wenn ein Virus von Mensch zu Mensch springt, kann es eine Pandemie auslösen.
Zwei Drittel der Viren auf der Liste sind sogenannte Zoonosen: Sie werden von Tieren auf Menschen übertragen, aber nicht weitergegeben. Tollwut ist ein Beispiel. Das klingt beruhigend, doch Viren können sich schnell verändern. Die Sorge ist groß, dass ein zoonotisches Virus die Fähigkeit zur Mensch-zu-Mensch-Übertragung erlangt – etwa bei Vogelgrippe. Bisher gibt es jedoch keinen dokumentierten Fall, dass ein RNA-Virus diesen Sprung geschafft hat. Eine viel größere Gefahr geht von Viren aus, die bereits von Mensch zu Mensch übertragbar sind. Dazu gehören Masern, Mumps, Röteln und viele Erkältungsviren. Sie haben sich vor langer Zeit aus tierischen Viren entwickelt und sind heute fest im Menschen etabliert.
Einige Viren können sich zwar unter Menschen ausbreiten, lösen aber nur begrenzte Ausbrüche aus – weil ihre R-Zahl (die durchschnittliche Anzahl von Folgeinfektionen pro Infiziertem) zu niedrig ist. Doch die R-Zahl kann sich ändern, etwa wenn ein Virus aus abgelegenen Dörfern in eine Großstadt gelangt. Das geschah 2014 mit dem Zaire-Ebolavirus in Westafrika. Der Katalog listet solche „Ausbruchsviren“ auf – darunter Chikungunya, Zika, Oropouche und Mpox. Alle haben bereits große Epidemien verursacht. Auch seltenere Viren wie das Andes-Hantavirus (kürzlich auf einem Kreuzfahrtschiff) oder das Bundibugyo-Ebolavirus (aktuell in Zentralafrika) sind enthalten.
Die Daten helfen auch, das nächste Pandemievirus – oft „Krankheit X“ genannt – vorherzusagen. COVID-19 ist ein gutes Beispiel: Bereits 2019 zeigten die Forscher, dass hoch übertragbare Viren meist eng mit anderen humanen Viren verwandt sind, aber unabhängig von Tieren auf den Menschen übergehen. Das traf perfekt auf SARS-CoV-2 zu. Die Weltgesundheitsorganisation hatte schon 2018 ein SARS-ähnliches Coronavirus als Kandidaten für Krankheit X genannt. Wäre ein neuartiges, mit Masern verwandtes Virus aufgetaucht, hätte das eine noch schlimmere Pandemie bedeuten können. Die Botschaft ist klar: Je schneller wir neue Viren finden und verstehen, desto besser können wir die nächste Pandemie verhindern oder abmildern.
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„Stell dir vor, wir könnten die nächste Pandemie vorhersagen, bevor sie ausbricht. Genau das macht dieser neue Virenkatalog."
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