Nüchtern tanzen am Sonntagmorgen – ein neuer Trend
Ekstatischer Tanz ohne Alkohol verbindet Bewegung, Meditation und Gemeinschaft für alle Generationen.

Stell dir vor, es ist Sonntagmorgen, und du gehst nicht zum Brunch, sondern zum Rave – ohne Alkohol, ohne Smalltalk, aber mit 100 anderen Menschen, die einfach tanzen. Was sich ungewöhnlich anhört, ist in London längst ein etabliertes Ritual. Jede Woche treffen sich im Bath House im Stadtteil Hackney Wick bis zu 100 Menschen zum sogenannten ekstatischen Tanz. Das Konzept: keine festen Schritte, keine Choreografie, keine Gespräche – nur Bewegung zur Musik, die von einem DJ live gemischt wird. Die Regeln sind einfach: keine Schuhe, kein Alkohol, kein Geplauder. Stattdessen geht es darum, den eigenen Körper zu spüren, Emotionen durch Bewegung auszudrücken und den Kopf freizubekommen.
Die Wurzeln dieser Praxis reichen zurück in die 1960er und 1970er Jahre, als die Tänzerin Gabrielle Roth die sogenannten 5Rhythmen entwickelte – eine freie Tanzform, die durch fünf Phasen führt: fließend, stakkato, chaos, lyrisch und still. Heute wird ekstatischer Tanz von verschiedenen Anbietern in Großbritannien und darüber hinaus angeboten. Richard Batts, Mitgründer von Ecstatic Dance UK, beschreibt die Atmosphäre als bewusst unangenehm – aber genau das sei der Punkt. „Man fühlt sich vielleicht albern dabei, und das ist okay. Wenn du nicht willst, dann lass es. Aber wenn du dich darauf einlässt, kann es befreiend sein“, sagt er.
Die Teilnehmer sind bunt gemischt: junge Familien mit Babys in Tragetüchern, sportliche Zwanzigjährige und ältere Menschen tanzen nebeneinander. Valerie Chartrand, eine regelmäßige Besucherin, beschreibt die Erfahrung als „eine Art engagierte, interaktive Bewegungstherapie“. Sie schätzt besonders, dass sie sich nicht unterhalten muss – als introvertierter Mensch sei das eine große Erleichterung. „Wenn ich tanze, fühle ich mich absolut wunderbar, sehr befreit. Und noch Tage danach bin ich in einer besseren psychischen Verfassung“, sagt sie.
Während der Pandemie erlebte der ekstatische Tanz einen regelrechten Boom. Als Lockdowns das gesellschaftliche Leben lahmlegten, verlegte Ecstatic Dance UK die Veranstaltungen ins Freie. In Gruppen von sechs Personen war Tanzen in der Natur erlaubt – für viele ein Rettungsanker. „Manche Leute sagten wörtlich: ‚Das hat mein Leben gerettet‘“, erinnert sich Batts. Die Verbindung von Bewegung, frischer Luft und sozialer Nähe half vielen durch die Isolation.
Auch kommerzielle Fitnessstudios haben den Trend entdeckt: Die Kette David Lloyd Clubs bietet inzwischen „Spirit Dance Meditation“-Kurse an. Das zeigt, dass ekstatischer Tanz kein Nischenphänomen mehr ist, sondern langsam im Mainstream ankommt. Die Veranstalter betonen, dass es nicht um Leistung oder Perfektion geht, sondern um Inklusion und emotionalen Ausdruck. „Es ist generationenübergreifend und multikulturell – und das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Paulina Angel Davey von Ecstatic Dance UK.
Die Reporterin Sarah LaBrecque, die selbst an einem solchen Morgen teilnahm, beschreibt den Höhepunkt des Tanzes als „Chaos-Phase“: Etwa 50 Minuten nach Beginn erreicht die Musik ihren Höhepunkt, und die Menge explodiert in wilder Bewegung. Sie sah einen Mann mit glitzernden Fischschuppen-Armbändern an sich vorbeiwirbeln und eine schwangere Frau in Spandex neben sich tanzen. „Köstliche Endorphine füllten mein Gehirn“, schreibt sie. Nach dem Tanz trank sie eine zeremonielle Kakaospezialität, die aus minimal verarbeiteten Kakaobohnen hergestellt wird und angeblich das Herz öffnet – manchmal angereichert mit CBD oder blauer Lotusblüte.
Was bleibt, ist ein Gefühl der Leichtigkeit und Verbundenheit – ohne Kater, ohne Reue. Für viele ist der nüchterne Sonntagsrave eine echte Alternative zum klassischen Partyleben. Und ein Beweis dafür, dass Tanzen nicht erst nach Mitternacht und mit Alkohol im Blut seinen Zauber entfaltet.
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