Studie: Weniger Arbeit und mehr Gerechtigkeit retten das Klima
Neue Modellrechnung zeigt: 99% der Menschen könnten bis 2100 besser leben – bei unter 2 Grad Erwärmung.

Die Klimadebatte steckt oft in einer Sackgasse: Entweder wir konsumieren weiter und heizen den Planeten auf, oder wir verzichten so stark, dass das Leben für viele schlechter wird. Eine neue Studie des World Inequality Lab, einem internationalen Forschungsnetzwerk, zeigt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Der am Donnerstag veröffentlichte „Global Justice Report“ entwirft ein Modell, wie die Weltwirtschaft bis zum Jahr 2100 umgebaut werden könnte – mit dem Ziel, dass fast alle Menschen besser leben und die Erderwärmung unter zwei Grad bleibt.
Das Herzstück des Berichts ist die Idee der „Genügsamkeit“ (sufficiency): Menschen brauchen nicht immer mehr Konsum, um gut zu leben. Stattdessen schlagen die Forscher kürzere Arbeitszeiten, bessere Gesundheitsversorgung und Bildung, saubere Energie sowie eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen vor. Konkret würde die durchschnittliche Arbeitszeit pro Jahr von heute etwa 2.100 Stunden auf rund 1.000 Stunden im Jahr 2100 sinken – eine Fortsetzung des Trends, der seit dem 19. Jahrhundert in vielen Ländern zu beobachten ist. Die freiwerdende Zeit soll in Bereiche wie Pflege, Bildung, Kultur und andere klimafreundliche Tätigkeiten fließen.
Das Modell berechnet, dass das durchschnittliche Monatseinkommen pro Person bis 2100 in allen Ländern auf etwa 5.000 Euro (umgerechnet 4.250 Pfund) konvergieren würde. Das bedeutet: In ärmeren Regionen wächst das Einkommen deutlich schneller, in reichen Ländern langsamer. Dennoch, so die Autoren, würden die meisten Menschen in wohlhabenden Ländern profitieren, weil die Einkommen gleichmäßiger verteilt würden und mehr Zeit für Familie, Freizeit und Ehrenamt bliebe. Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung würden ihr Geldeinkommen bis zum Ende des Jahrhunderts verdoppeln. Wenn man die gewonnene Freizeit und die vermiedenen Klimaschäden einrechnet, wären sogar mehr als 99 Prozent der Menschen besser gestellt.
Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die Energieversorgung bis zur Mitte des Jahrhunderts vollständig auf erneuerbare Quellen umgestellt werden. Doch Technik allein reicht nicht, betonen die Forscher. Ohne Veränderungen beim Konsum, bei der Landnutzung und bei der Ungleichheit werde die Energiewende schwerer finanzierbar und politisch schwerer durchsetzbar. Deshalb schlägt der Bericht einen „Global Justice Fund“ vor, der durch eine globale Vermögenssteuer und eine Spitzensteuer auf das Einkommen des reichsten einen Prozents der Weltbevölkerung finanziert werden soll. Dieser Fonds würde zwischen 2026 und 2060 durchschnittlich 10,3 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts pro Jahr ausgeben – ein gewaltiger Sprung gegenüber den heutigen 0,4 Prozent für Entwicklungshilfe und internationale Organisationen.
Die Wirkung auf die Vermögensverteilung wäre enorm: Der Anteil der unteren Hälfte der Menschheit am globalen Vermögen würde von zwei auf 30 Prozent steigen, während der Anteil der Milliardäre von sechs auf 0,05 Prozent fiele. Die Autoren argumentieren, dass dies nicht nur eine Frage der Fairness sei, sondern auch der Klima-Logik: Die Reichsten haben überproportional von CO₂-intensivem Wachstum profitiert und halten einen Großteil des Kapitals, das für die Transformation benötigt wird. In einem Gastbeitrag für den Guardian schrieben die Autoren um Thomas Piketty und Lucas Chancel, der Plan sei „radikal“, aber die Alternative sei eine Zukunft mit tiefer Ungleichheit, Klimakollaps und politischer Instabilität. Das Hindernis sei „keine technische Unmöglichkeit, sondern eine politische Entscheidung“.
Der Bericht ist bewusst kein Versuch, das Wahrscheinliche zu beschreiben, sondern das Mögliche. Globale Vermögenssteuern, eine neue internationale Finanzordnung und ein bewusster Verzicht auf Überkonsum würden auf heftigen politischen Widerstand stoßen – vor allem von denen, die vom heutigen System am meisten profitieren. Die Autoren räumen ein, dass dies breite Koalitionen, soziale Bewegungen und gesetzgeberische Maßnahmen erfordern würde. Doch der Bericht ist wichtig, weil er eine vertraute Stimmung der Resignation infrage stellt. Er sagt nicht, dass eine gerechte, gesunde und nachhaltige Welt von selbst kommt oder dass der Übergang einfach wird. Er sagt, dass die Zahlen aufgehen können – dass Klimasicherheit nicht bedeutet, dass die meisten Menschen schlechter leben müssen, und dass Gleichheit kein Hindernis für den Umweltschutz ist, sondern eine seiner Voraussetzungen.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
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„Neue Modellrechnung zeigt: 99% der Menschen könnten bis 2100 besser leben – bei unter 2 Grad Erwärmung."
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