Umweltmedizinerin: Prävention ist das Gesundheitsprojekt der Zukunft
Hitze, Luft und Biodiversität beeinflussen unsere Gene – und kosten Deutschland 400 Millionen Euro pro Hitzetag.

Wenn nachts die Wohnung nicht mehr abkühlt und der Schlaf ausbleibt, spüren viele Menschen plötzlich am eigenen Körper, was die Klimakrise im Alltag bedeutet. Für Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizinerin und Allergologin, ist genau das der Punkt: Umwelt- und Klimaveränderungen sind längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr, sie wirken direkt auf unsere Gesundheit. Im Utopia Changemaker Podcast spricht sie darüber, warum Hitze medizinisch unterschätzt wird, welche Rolle Luftverschmutzung bei chronischen Krankheiten spielt – und warum sie die Energiewende als das vielleicht größte Gesundheitsprojekt Deutschlands bezeichnet.
Die zentrale Erkenntnis ihrer Arbeit: Gesundheit entsteht nicht in erster Linie dort, wo Menschen behandelt werden, sondern dort, wo sie leben – in ihrer Luft, ihrer Ernährung, ihrem Schlaf, ihrer Umgebung. „Wir haben ja ein vermeintliches Gesundheitssystem, aber dieses Gesundheitssystem kümmert sich ja eigentlich viel zu wenig um Gesundheit, sondern es kümmert sich um Krankheit“, sagt Traidl-Hoffmann. Ihr Buch „Die Medizin der Zukunft“ trägt den Untertitel: „Die Medizin der Zukunft ist präventiv.“
Einen großen Durchbruch sieht die Forscherin in der Erkenntnis, dass Umweltfaktoren über die sogenannte Epigenetik beeinflussen können, welche Gene im Körper aktiv sind. Epigenetik bedeutet vereinfacht: Unsere Umwelt kann bestimmte Gene an- oder ausschalten, ohne den genetischen Code selbst zu verändern. Luftschadstoffe aus Verbrennungsprozessen etwa können Schleimhäute und Haut durchlässiger machen und so Erkrankungen wie Allergien oder chronische Entzündungen begünstigen.
Besonders deutlich wird der Zusammenhang bei Hitze. „Das größte Problem an der Hitze: Sie wird unterschätzt“, betont Traidl-Hoffmann. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen und Personen, die draußen arbeiten. Heiße Nächte sind besonders tückisch, weil der Körper dann nicht mehr ausreichend herunterkühlen kann und die Regeneration fehlt. Ein einziger Hitzetag kostet Deutschland bereits heute 400 Millionen Euro – unter anderem durch Produktivitätsverluste und Belastungen im Gesundheitssektor.
Für Traidl-Hoffmann ist klar: Die Energiewende ist nicht nur ein Klimaprojekt, sondern ein Gesundheitsprojekt und ein Wirtschaftsprojekt zugleich. Denn viele Schadstoffe in der Luft stammen aus Verbrennungsprozessen – und wenn diese wegfallen, verbessert sich die Luftqualität für alle. Der Blick auf die Kosten sei wichtig, weil er politische Entscheidungen beschleunigen könne: heute investieren, statt später teuer nachzubessern. Prävention ohne Stadtplanung, Verkehrswende und Arbeitsschutz funktioniere nicht – aber genau dort liege der Schlüssel für eine gesündere Zukunft.
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