Warum Hamster im Rad rennen – und was das für Kinder bedeutet
30 Jahre Forschung zeigen: Bewegung macht süchtig – und ein früher Start prägt fürs Leben

Warum rennen Hamster eigentlich stundenlang im Rad? Lange dachten Wissenschaftler, das sei eine neurotische Verhaltensstörung, die durch die Gefangenschaft ausgelöst wird. Doch eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigte etwas völlig anderes: Forscher stellten Laufräder in der freien Natur auf – in einem städtischen Grüngebiet und in einer abgelegenen Dünenlandschaft. Wilde Mäuse fanden die Räder und rannten darauf, manchmal bis zu 18 Minuten am Stück, ohne Training und ohne Futterbelohnung. Das Laufen hielt an, selbst nachdem alle Köder entfernt worden waren. Sogar Spitzmäuse, Frösche und Nacktschnecken kletterten auf die Räder (nur Schnecken wurden wegen unberechenbarer Bewegungsmuster aus der Auswertung ausgeschlossen). Mäuse machten 88 Prozent aller Radaktivitäten aus.
Dr. Theodore Garland Jr., Biologieprofessor an der University of California in Riverside und seit über 30 Jahren Experte für Laufradverhalten, erklärt die körperliche Grundlage: Nagetiere haben eine außergewöhnliche aerobe Kapazität, einen hohen Stoffwechsel und riesige Streifgebiete. „Eine Kröte wird nicht zehn Kilometer am Tag laufen“, sagt Garland, „aber ein Streifenhörnchen könnte das.“ Doch die Fähigkeit allein erklärt nicht den Antrieb. Die führende Hypothese ist das Belohnungssystem des Gehirns. Dopamin, ein Botenstoff, der Glücksgefühle auslöst, scheint der entscheidende Faktor zu sein. Mäuse in Garlands Labor wurden dabei beobachtet, wie sie mitten im Lauf langsamer wurden, das Rad eine volle Umdrehung lang mitfahren ließen und dann weitermachten – ohne erkennbaren Zweck. Es sieht aus wie Akrobatik aus purem Spaß. „Ich zögere, das F-Wort für niedere Wirbeltiere zu verwenden“, sagt Garland und meint „fun“ (Spaß), „aber es ist schwer zu ignorieren, dass sie dabei Vergnügen oder Freude empfinden.“
Dieses Phänomen könnte auch die „Zoomies“ bei Hunden erklären oder das grundlose Herumtoben junger Pferde auf der Weide. Garland nennt es „Nip-norting“: das unvermittelte Ablassen von Energie, einfach weil es sich gut anfühlt. Noch bedeutsamer ist ein weiterer Befund: Mäuse, die direkt nach dem Abstillen, also mit nur drei Wochen, Zugang zu Laufrädern bekamen, rannten als Erwachsene deutlich mehr als solche, die die Räder erst später kennenlernten. „Das muss hier oben sitzen“, sagt Garland und zeigt auf seinen Kopf. „Ihr Belohnungssystem wurde dauerhaft verändert.“ Er ist überzeugt, dass dieselbe Logik für Menschen gilt. Kinder, die nie regelmäßige Bewegungserfahrung machen, entwickeln möglicherweise nicht die neuronalen Schaltkreise, die Sport als belohnend empfinden. „Wenn du als Kind nie Basketball oder Tennis spielst“, so Garland, „und dann an die Uni kommst, wo deine Freunde spontan spielen, ist das wahrscheinlich nicht einmal auf deinem Radar.“
Die Kürzung von Sportstunden in Schulen könnte daher langfristige Folgen haben, die erst Jahrzehnte später sichtbar werden. Die Laufradforschung liefert einen überraschenden Hinweis: Wilde Mäuse suchten die Räder auf und liefen ohne Training, ohne Belohnung und ohne Beobachter. Der Wille war bereits da. Wenn das Gleiche für Menschen gilt – und wenn das frühe Zeitfenster so entscheidend ist, wie die Mäusedaten nahelegen – dann verändert sich die politische Frage. Es geht nicht mehr primär darum, Erwachsene zum Sport zu motivieren. Es geht darum, ob Kinder die Bedingungen bekommen, um die Verkabelung aufzubauen, bevor sie sich fürs Leben festigt.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
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„Hamster rennen nicht aus Zwang, sondern weil es glücklich macht – und das gilt auch für Kinder. Krass, oder?"
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