Zahnrille-Studie: Zähneputzen mit Stöckchen war wohl ein Mythos
Forscher fanden bei 500 Wildprimaten keine typischen Zahndefekte des modernen Menschen – ein Hinweis auf unsere Lebensweise.

Seit Jahrzehnten galten feine Rillen an fossilen Menschenzähnen als Beweis für eine uralte Gewohnheit: unsere Vorfahren sollen damit Essensreste entfernt oder das Zahnfleisch massiert haben – quasi das erste Zähneputzen der Menschheit. Doch eine neue Studie, veröffentlicht im American Journal of Biological Anthropology, stellt diese Theorie nun infrage. Ein Team um den Anthropologen Ian Towle untersuchte dafür über 500 Zähne von 27 verschiedenen Primatenarten – darunter Gorillas, Orang-Utans, Makaken und ausgestorbene Affen. Alle Tiere stammten aus Wildpopulationen, hatten also nie eine Zahnbürste gesehen oder Cola getrunken.
Das Ergebnis überraschte selbst die Forscher: Bei etwa vier Prozent der Tiere fanden sich Rillen, die den sogenannten „Zahnstocher-Rillen“ fossiler Menschen täuschend ähnlich sahen – mit feinen parallelen Kratzern und verjüngten Formen. Das bedeutet: Diese Spuren müssen nicht von bewusstem Werkzeuggebrauch stammen, sondern können auch durch natürliches Kauen, abrasive Nahrung oder sogar durch das Abstreifen von Blättern mit den Zähnen entstehen. „Wir müssen vorsichtig sein, jede fossile Rille gleich als absichtliches Zahnstochern zu deuten“, schreiben die Autoren.
Noch bedeutender ist ein zweiter Befund: Kein einziger der untersuchten Wildprimaten wies sogenannte Abfraktionsläsionen auf – tiefe, keilförmige Kerben am Zahnfleischrand, die in modernen Zahnarztpraxen alltäglich sind. Diese Defekte, die oft mit Zähneknirschen, zu hartem Bürsten oder säurehaltigen Getränken in Verbindung gebracht werden, scheinen ein rein menschliches Problem zu sein. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Abfraktionsläsionen eine direkte Folge moderner Lebensgewohnheiten sind“, sagt Towle. „Sie treten nicht durch natürliche Kaukräfte auf, sondern durch unsere Art zu essen und uns die Zähne zu putzen.“
Die Studie ist Teil eines wachsenden Forschungsfeldes namens „evolutionäre Zahnmedizin“, das versucht, heutige Zahnprobleme aus unserer Stammesgeschichte zu verstehen. Denn viele Beschwerden, die uns plagen – etwa Weisheitszahn-Probleme oder Zahnfehlstellungen – sind bei Wildtieren extrem selten. „Unsere Zähne sind für eine andere Welt gemacht“, erklärt Towle. „Die moderne Ernährung mit weichen, zuckerhaltigen Speisen und die Art, wie wir unsere Zähne pflegen, setzen sie unter völlig neue Belastungen.“
Die Erkenntnisse haben praktische Konsequenzen: Für die Anthropologie bedeuten sie, dass wir fossile Zahnspuren nicht mehr automatisch als kulturelle Handlungen deuten dürfen. Für die Zahnmedizin liefern sie einen Hinweis darauf, dass viele unserer häufigsten Zahnprobleme vermeidbar sein könnten – wenn wir verstehen, wie unsere Vorfahren ihre Zähne gesund hielten. „Was wie eine fossile Zahnstocher-Rille aussieht, könnte genauso gut ein Nebenprodukt alltäglichen Kauens sein“, so die Forscher. „Um das zu entwirren, brauchen wir viel größere Vergleichsdaten von Wildtieren.“
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