Einfache Sprache: Zugang zu Literatur für Millionen
Debatte um kulturelle Teilhabe versus Werktreue

In Deutschland haben fast 17 Millionen Erwachsene Schwierigkeiten beim Lesen, wie die jüngste LEO-Studie zeigt. Rund sechs Millionen von ihnen können höchstens einfache Sätze lesen oder schreiben, haben aber Probleme mit zusammenhängenden Texten. Für sie bleibt der Zugang zu literarischen Klassikern oft versperrt. Verlage wie der nordrhein-westfälische Aibo-Verlag versuchen, diese Barriere zu durchbrechen, indem sie Werke wie Theodor Fontanes „Effi Briest“ oder Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ in einfacher Sprache herausgeben. Die Reaktionen darauf sind heftig: Von „Kulturfrevel“ und „Verhunzung von Kunstwerken“ ist in deutschen Leitmedien die Rede. Der Germanist Thomas Kater plädiert für eine Versachlichung der Debatte. Er argumentiert, dass die Handlung meist wiedererkennbar bleibe, auch wenn die sprachliche Werkidentität leide. Die Literaturwissenschaftlerin Cornelia Rosenbrock gibt zu bedenken, dass die Beschädigung, die ein Originaltext in den Köpfen von Schülern oder Menschen mit Leseschwierigkeiten anrichtet, oft größer sei als die durch Vereinfachung. Der Aibo-Verlag setzt bei der Erstellung der Texte auf einen mehrstufigen Prozess: Ein Computerprogramm erstellt eine erste Fassung, die ein Autor überarbeitet. Anschließend liest eine Person mit Lese- und Sprachschwierigkeiten den Text und macht Verbesserungsvorschläge. Die Auflagen sind mit meist unter 1000 Stück klein, die Abnehmer sind regionale Lebenshilfen, Stadtbibliotheken und Schulen. Andreas Stobbe, Geschäftsführer des Aibo-Verlags, weist die Kritik als überheblich und empathielos zurück. Er vergleicht die Übersetzung in einfache Sprache mit einer Übertragung in eine Fremdsprache, bei der ebenfalls sprachliche Verluste unvermeidbar seien. Die Alternative für die Zielgruppe sei nicht Original oder Vereinfachung, sondern Vereinfachung oder gar keine Teilhabe. Der Konflikt zwischen dem Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe und der Integrität eines Kunstwerks lasse sich nicht allgemein auflösen.
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