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Lungenkrebs bei Frauen: Eine eigenständige Erkrankung

Forschung zeigt: Biologische und soziale Faktoren machen Lungenkrebs bei Frauen zu einer eigenen Krankheit

Lungenkrebs bei Frauen ist nicht einfach Lungenkrebs – er ist eine eigenständige Erkrankung mit eigenen biologischen Mechanismen, Risikofaktoren und Behandlungsanforderungen. Zu diesem Schluss kommen Forscherinnen des Dana-Farber Institute in Boston und des Memorial Sloan Kettering Institute in New York City. Ihre Arbeiten zeigen, dass die Medizin Frauen mit Lungenkrebs systematisch benachteiligt: von Screening-Richtlinien, die Frauen historisch ausschlossen, über klinische Studien mit zu wenigen Teilnehmerinnen bis hin zu Dosierungsschemata, die auf Männer zugeschnitten sind.

Die Zahlen sind alarmierend: Während die Inzidenz- und Sterberaten bei Männern seit drei Jahrzehnten sinken, wird Lungenkrebs in vielen Ländern zur häufigsten Krebstodesursache bei Frauen – noch vor Brustkrebs. Besonders besorgniserregend ist der Trend bei jungen Frauen. Eine Studie von 2018 zeigte, dass die Lungenkrebsrate bei weißen und hispanischen Frauen zwischen 30 und 49 Jahren in den USA die junger Männer überholt hat. Tabakkonsum allein kann dies nicht erklären, denn junge Frauen rauchen weniger als junge Männer.

Die Ursachen sind vielfältig. Traditionelle Geschlechterrollen führen dazu, dass Frauen weltweit häufiger kochen und dabei Karzinogenen ausgesetzt sind, die beim Erhitzen von Ölen oder beim Verbrennen von Kohle und Holz in schlecht belüfteten Räumen entstehen. Zudem verbringen Frauen mehr Zeit in Innenräumen und sind dort überproportional Passivrauch ausgesetzt. Hinzu kommen biologische Unterschiede: Frauen metabolisieren Tabakkarzinogene anders in der Leber – eine Frau benötigt nur 20 statt 30 Jahre Rauchen, um Lungenkrebs zu entwickeln. Auch die DNA-Reparaturkapazität unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern, und Östrogen scheint die Genexpression in Tumorzellen zu beeinflussen.

Die Folgen dieser Ignoranz sind dramatisch. Narjust Florez, Ärztin und Wissenschaftlerin am Dana-Farber Institute, berichtet von Patientinnen, die mit Lungenkrebs-Symptomen in der Notaufnahme ein Beruhigungsmittel verschrieben bekamen, statt eine Diagnose zu erhalten. „Die meisten werden erst im Stadium 4 diagnostiziert, wenn die Krankheit nicht mehr heilbar ist“, sagt Florez. Ihre eigene Mutter, eine Anwältin mit Vollversicherung, wurde mehrfach abgewiesen, bis der Krebs bereits gestreut hatte.

Dabei profitieren Frauen nachweislich mehr von Früherkennung als Männer: Screening senkt die Sterblichkeit bei Frauen nach zehn Jahren um 33 Prozent, bei Männern nur um 24 Prozent. Der Grund: Der Tumor wächst bei Frauen länger langsamer, sodass sie bei Diagnose durch Screening körperlich fitter sind. Dennoch waren im größten Screening-Test weltweit, der NELSON-Studie, nur 16 Prozent der Teilnehmer Frauen. Die aktuellen Screening-Richtlinien schließen bis zu 80 Prozent der Frauen aus, bei denen später Lungenkrebs diagnostiziert wird.

Auch bei der Behandlung zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen erleiden signifikant häufiger schwere Nebenwirkungen von Chemotherapien wie Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall und neurologische Probleme. Dies könnte an unterschiedlichen Stoffwechselwegen liegen – doch die Dosierungsrichtlinien basieren weiterhin auf Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern. Eine unveröffentlichte Studie mit 145.000 Lungenkrebs-Patienten nach Operationen bestätigt: Frauen sprechen anders auf Immuntherapien an als Männer.

Die Forderung der Forscherinnen ist klar: Lungenkrebs bei Frauen muss als eigenständige Erkrankung anerkannt werden. Camila Lopes-Ramos, Computational Biologin an der Harvard Medical School, hat nachgewiesen, dass Gene in Lungenkrebszellen von Frauen anders reguliert werden als bei Männern – selbst wenn die Genexpression identisch aussieht. „Die klinische Bedeutung ist enorm“, sagt sie. „Wir ignorieren eine Vielzahl biologischer Geschlechtsunterschiede.“ Die Anerkennung als eigenständige Krankheit könnte Screening-Richtlinien, klinische Studien und Behandlungsprotokolle grundlegend verändern – und Tausende Frauenleben retten.

Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.

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