Zurück
wissenschaft Global · XX

Pilznetzwerke unter der Erde sind 62 Billiarden Kilometer lang

Forschende kartieren erstmals die globalen Pilzfäden, die Pflanzen mit Nährstoffen versorgen – und fordern mehr Schutz für diese unterirdischen Lebensadern.

Pilze sind mehr als nur Schwammerl im Wald. Unter der Erde spannen sie ein gewaltiges Netz aus feinen Fäden, den sogenannten Hyphen. Diese Mykorrhiza-Netzwerke – Mykorrhiza bedeutet „Pilzwurzel“ – verbinden Pflanzen miteinander und tauschen Nährstoffe aus: Die Pilze liefern Wasser, Phosphor und Stickstoff, die Pflanzen geben Zucker, den sie durch Photosynthese gewinnen. Dieses unterirdische Netzwerk wird oft als „Wood Wide Web“ bezeichnet, weil es wie das Internet Informationen und Ressourcen zwischen den Lebewesen vermittelt.

Ein internationales Forschungsteam hat nun erstmals die globale Ausdehnung dieser Netzwerke vermessen. Die Ergebnisse, die im Juli 2024 veröffentlicht wurden, sind beeindruckend: Allein in den oberen 15 Zentimetern des Bodens erstrecken sich die Pilzfäden über 62 Billiarden Kilometer. Zum Vergleich: Würde man diese Fäden zu einem einzigen Faden spinnen, könnte man damit eine Milliarde Mal von der Erde zur Sonne und zurück reisen. Die Forscher haben ihre Daten in eine interaktive Weltkarte übersetzt, die zeigt, wo die Netzwerke besonders dicht sind.

Überraschenderweise sind die dichtesten Netzwerke nicht in Wäldern zu finden, sondern in Graslandschaften und Feuchtgebieten. Hotspots sind unter anderem die anatolische Steppe in der Türkei, das tibetische Hochland, die nordamerikanischen Prärien, die Everglades in Florida und die Sudd-Sümpfe im Südsudan. Der Grund: In Grasland reichen die Pflanzenwurzeln nicht so tief wie Baumwurzeln, daher sind sie stärker auf die weit verzweigten Pilzfäden angewiesen.

Die Karte offenbart aber auch ein Problem: Weniger als zehn Prozent der dichtesten Pilznetzwerke liegen in bestehenden Schutzgebieten. Gleichzeitig ist die Dichte der Hyphen dort, wo intensive Landwirtschaft betrieben wird, deutlich geringer. Von den mehr als 8.000 Pilzarten, die am „Wood Wide Web“ beteiligt sind, wurde praktisch keine von der Weltnaturschutzunion IUCN auf ihren Gefährdungsstatus geprüft. Die Forscher der Society for the Protection of Underground Networks (SPUN) argumentieren, dass dies eine blinde Stelle im globalen Naturschutz sei. Sie fordern, dass Pilzpopulationen und Netzwerkdichte bei der Ausweisung neuer Schutzgebiete berücksichtigt werden – insbesondere im Rahmen des internationalen Ziels, bis 2030 30 Prozent der Landfläche unter Schutz zu stellen.

Die Bedeutung dieser Netzwerke geht über den Nährstoffaustausch hinaus: Sie helfen Pflanzen, mehr Kohlenstoff zu speichern, was im Kampf gegen den Klimawandel immer wichtiger wird. Die neue Karte soll nun helfen, Regionen zu identifizieren, in denen die Pilznetzwerke besonders schützenswert oder wiederherstellungsbedürftig sind.

Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.

So erzählst du es weiter

„Stell dir vor: Unter unseren Füßen erstreckt sich ein Pilznetzwerk, das 62 Billiarden Kilometer lang ist – und wir schützen kaum etwas davon."

Der tägliche Lichtblick

Magst du solche Geschichten?

Hol dir jeden Morgen eine — kuratiert, belegt, werbefrei. Kein Doomscrolling.

Weiteres aus wissenschaft