Schrödingers Farbtheorie nach 100 Jahren vervollständigt
Forscher schließen mathematische Lücke in der Farbwahrnehmung – Grundlage für präzisere Farbtechnologien

Farben sind ein alltägliches Phänomen, aber ihre Wahrnehmung ist erstaunlich komplex. Unser Auge besitzt drei Arten von Zapfenzellen, die besonders empfindlich für Rot, Blau und Grün sind. Daraus ergibt sich ein dreidimensionaler Farbraum, in dem sich alle Farben mathematisch anordnen lassen. Bereits im 19. Jahrhundert schlug der Mathematiker Bernhard Riemann vor, dass dieser Farbraum nicht flach, sondern gekrümmt ist – ähnlich wie die Oberfläche einer Kugel. In den 1920er Jahren griff der Physiker Erwin Schrödinger diese Idee auf und entwickelte ein Modell, das Farbton, Sättigung und Helligkeit innerhalb eines solchen gekrümmten Raums beschreibt. Doch sein Modell hatte eine entscheidende Lücke: Es fehlte eine präzise Definition der sogenannten Neutralachse – der Linie der Grautöne, die von Schwarz zu Weiß verläuft. Ohne diese Definition war die gesamte Theorie mathematisch unvollständig.
Ein Team um die Informatikerin Roxana Bujack vom Los Alamos National Laboratory hat dieses Problem nun gelöst. Die Forscher fanden einen Weg, die Neutralachse allein aus der Geometrie des Farbraums heraus zu definieren – ohne auf externe Annahmen zurückzugreifen. Dazu mussten sie über das traditionelle Riemannsche Modell hinausgehen und einen nicht-Riemannschen Raum verwenden. Diese mathematische Erweiterung ist ein bedeutender Fortschritt für die Visualisierungswissenschaft. Die Ergebnisse wurden auf der Eurographics Conference on Visualization vorgestellt und im Fachjournal „Computer Graphics Forum“ veröffentlicht.
Die Arbeit korrigiert zudem zwei weitere Ungenauigkeiten in Schrödingers Modell. Der sogenannte Bezold-Brücke-Effekt beschreibt, dass sich der Farbton einer Farbe ändern kann, wenn sich die Lichtintensität verändert. Bisher wurde dieser Effekt nur unzureichend abgebildet. Die Forscher umgingen das Problem, indem sie in ihrem geometrischen Modell den kürzesten Weg zwischen zwei Farben nutzten – statt einer einfachen geraden Linie. Auch das Phänomen der abnehmenden Empfindlichkeit bei Farbunterschieden – je ähnlicher zwei Farben sind, desto schwerer fällt die Unterscheidung – wird durch den nicht-Riemannschen Ansatz besser erfasst.
„Was wir zeigen, ist, dass diese Farbqualitäten nicht aus zusätzlichen äußeren Konstrukten wie kulturellen oder erlernten Erfahrungen entstehen, sondern die intrinsischen Eigenschaften der Farbmetrik selbst widerspiegeln“, erklärt Bujack. Die Metrik beschreibt den wahrgenommenen Farbabstand – also wie unterschiedlich zwei Farben für einen Betrachter erscheinen. Ein präziseres Modell der Farbwahrnehmung könnte in vielen Bereichen Anwendung finden: in der Fotografie, bei Videotechnik, in der wissenschaftlichen Visualisierung und sogar in der nationalen Sicherheitsforschung, wo genaue Farbdarstellungen bei der Analyse von Satellitenbildern oder anderen Daten helfen.
Die Arbeit baut auf einem breiteren Projekt des Los Alamos National Laboratory zur Farbwahrnehmung auf, das bereits 2022 zu einer vielbeachteten Veröffentlichung in den Proceedings of the National Academy of Sciences führte. Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse die Grundlage für zukünftige Farbmodelle in nicht-Riemannschen Räumen bilden – und damit die Art und Weise verbessern, wie wir Farben sehen, darstellen und verstehen.
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„Farben sind nicht nur subjektiv – sie haben eine mathematische Struktur. Forscher haben jetzt die letzte Lücke in Schrödingers Theorie geschlossen."
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