Universum als Speicher: Neue Theorie erklärt Dunkle Materie
Physiker schlagen vor, dass Raumzeit Informationen speichert – und so Dunkle Materie und Dunkle Energie erklären könnte.

Seit über hundert Jahren basiert die Physik auf zwei großen Theorien: Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Gravitation als Krümmung von Raum und Zeit beschreibt, und der Quantenmechanik, die die Welt der Teilchen und Kräfte regiert. Beide funktionieren in ihren Bereichen hervorragend, aber wenn man sie zusammenbringt, entstehen Widersprüche – besonders bei Schwarzen Löchern, Dunkler Materie, Dunkler Energie und den Anfängen des Universums.
Ein Team um Florian Neukart von der Universität Leiden hat nun einen neuen Ansatz vorgeschlagen, um diese Kluft zu überbrücken. Die Idee: Information – nicht Materie, nicht Energie, nicht einmal die Raumzeit selbst – ist der grundlegendste Baustein der Realität. Dieses Konzept nennen sie die Quanten-Memory-Matrix (QMM).
Im Kern steht eine einfache, aber gewaltige Behauptung: Die Raumzeit ist nicht glatt, sondern besteht aus winzigen „Zellen“, wie es die Quantenmechanik nahelegt. Jede Zelle kann einen Quanten-Fingerabdruck jeder Wechselwirkung speichern – etwa wenn ein Teilchen vorbeifliegt oder eine Kraft wie Elektromagnetismus wirkt. Jedes Ereignis hinterlässt eine winzige Veränderung im lokalen Quantenzustand der Raumzeit-Zelle. Mit anderen Worten: Das Universum entwickelt sich nicht nur – es erinnert sich.
Die Geschichte beginnt mit dem Informationsparadoxon Schwarzer Löcher. Nach der Relativitätstheorie ist alles, was in ein Schwarzes Loch fällt, für immer verloren. Die Quantenmechanik sagt dagegen, dass Information niemals zerstört werden kann. QMM bietet einen Ausweg: Wenn Materie hineinfällt, zeichnen die umliegenden Raumzeit-Zellen ihren Abdruck auf. Wenn das Schwarze Loch schließlich verdampft, ist die Information nicht verloren – sie wurde bereits ins Gedächtnis der Raumzeit geschrieben.
Doch die Theorie geht weiter. In ihren Modellen nehmen die Forscher an, dass auch die starke und schwache Kernkraft, die Atomkerne zusammenhalten, Spuren in der Raumzeit hinterlassen. Sogar ein einfaches elektrisches Feld verändert den Speicherzustand der Raumzeit-Zellen. Das führte zu einem breiteren Prinzip, das sie Geometrie-Informations-Dualität nennen: Die Form der Raumzeit wird nicht nur von Masse und Energie beeinflusst, wie Einstein lehrte, sondern auch davon, wie Quanteninformation verteilt ist – insbesondere durch Verschränkung.
Diese Perspektive hat dramatische Konsequenzen. In einer Studie, die noch begutachtet wird, fanden die Forscher, dass Ansammlungen von Abdrücken sich genau wie Dunkle Materie verhalten – eine unbekannte Substanz, die den Großteil der Materie im Universum ausmacht. Sie klumpen unter Gravitation und erklären die Bewegung von Galaxien, ohne dass exotische neue Teilchen nötig sind. In einer weiteren Arbeit zeigten sie, wie auch Dunkle Energie entstehen könnte: Wenn Raumzeit-Zellen gesättigt sind, können sie keine neuen unabhängigen Informationen mehr aufnehmen. Stattdessen tragen sie zu einer Restenergie der Raumzeit bei – und diese hat dieselbe mathematische Form wie die kosmologische Konstante, die die beschleunigte Expansion des Universums antreibt. Ihre Größe passt zu den beobachteten Werten.
Doch was passiert, wenn der Speicher voll ist? Die neueste kosmologische Arbeit, die zur Veröffentlichung angenommen wurde, deutet auf ein zyklisches Universum hin – geboren und sterbend in immer neuen Zyklen. Jeder Zyklus von Expansion und Kontraktion fügt mehr Entropie, ein Maß für Unordnung, hinzu. Wenn die Grenze erreicht ist, „springt“ das Universum in einen neuen Zyklus. Die Forscher schätzen, dass das Universum bereits drei oder vier solcher Zyklen durchlaufen hat, mit weniger als zehn verbleibenden. Das wahre „informationale Alter“ des Kosmos läge dann bei etwa 62 Milliarden Jahren, nicht nur den 13,8 Milliarden Jahren unserer aktuellen Expansion.
Bisher klingt das rein theoretisch. Doch die Forscher haben Teile von QMM bereits auf heutigen Quantencomputern getestet. Sie behandelten Qubits, die Grundeinheiten von Quantencomputern, als winzige Raumzeit-Zellen. Mit Protokollen zum Speichern und Abrufen, die auf den QMM-Gleichungen basieren, konnten sie die ursprünglichen Quantenzustände mit über 90% Genauigkeit wiederherstellen. Das zeigt zweierlei: Erstens funktioniert der Speichermechanismus auf echten Quantensystemen. Zweitens hat er praktische Vorteile – durch Kombination mit konventionellen Fehlerkorrekturcodes konnten logische Fehler deutlich reduziert werden. QMM könnte also nicht nur den Kosmos erklären, sondern auch helfen, bessere Quantencomputer zu bauen.
QMM stellt das Universum als kosmische Gedächtnisbank und Quantencomputer dar. Jedes Ereignis, jede Kraft, jedes Teilchen hinterlässt einen Abdruck, der die Entwicklung des Kosmos prägt. Es verbindet einige der tiefsten Rätsel der Physik – vom Informationsparadoxon über Dunkle Materie und Dunkle Energie bis zu kosmischen Zyklen und dem Pfeil der Zeit. Und das auf eine Weise, die bereits im Labor simuliert und getestet werden kann. Ob QMM das letzte Wort sein wird oder nur ein Schritt – es eröffnet die verblüffende Möglichkeit: Das Universum ist nicht nur Geometrie und Energie. Es ist auch Erinnerung. Und in dieser Erinnerung könnte jeder Moment der kosmischen Geschichte noch geschrieben stehen.
Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.
So erzählst du es weiter
„Stell dir vor, das Universum speichert alles, was passiert – und das erklärt Dunkle Materie. Genau das schlagen Forscher gerade vor."
Magst du solche Geschichten?
Hol dir jeden Morgen eine — kuratiert, belegt, werbefrei. Kein Doomscrolling.
Weiteres aus wissenschaft
KI-Impfstoff gegen Coronaviren besteht ersten Test am Menschen
Ein von KI entwickelter Impfstoff wirkt gegen mehrere Coronaviren gleichzeitig – und schützt sogar vor noch unbekannten Varianten.
Über 1.000 unbekannte Korallenriffe vor Australien entdeckt
Satellitenbild-Überlagerung enthüllt tausende Riffe in trüben Gewässern Nordaustraliens
KI warnt Badegäste an der Ostsee vor gefährlichen Vibrionen
Frühwarnsystem sagt Bakterien bis zu fünf Wochen im Voraus voraus – basierend auf 1.500 Wasserproben