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Verkohlte Papyrusrollen nach 2000 Jahren lesbar

KI und Synchrotron-Scans entschlüsseln antike Texte aus Herculaneum – 600 Rollen warten.

Im Jahr 79 n. Chr. begrub der Vesuv die Stadt Herculaneum unter heißen Vulkanströmen und Schlammlawinen. Dabei wurde auch eine Villa mit einer Bibliothek zerstört – Hunderte Papyrusrollen verkohlten und wurden zu unlesbaren Klumpen. Seit ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert scheiterten alle Versuche, die empfindlichen Schriftstücke zu entrollen, meist an der Zerbrechlichkeit des Materials.

Doch nun hat ein internationales Team um Brent Seales von der University of Kentucky das scheinbar Unmögliche geschafft: Mithilfe von hochauflösenden Synchrotron-Scans und künstlicher Intelligenz konnten sie mehrere Rollen virtuell auswickeln und die darauf erhaltenen Texte lesbar machen. Ein Synchrotron ist eine ringförmige Teilchenbeschleunigeranlage, die extrem intensive Röntgenstrahlen erzeugt – ähnlich wie ein riesiges Mikroskop, das selbst feinste Strukturen sichtbar macht.

Einen entscheidenden Schub erhielt die Forschung durch die „Vesuvius Challenge“, einen Wettbewerb mit hohen Preisgeldern, der eine große Online-Community zur Mitarbeit motivierte. Im Jahr 2023 gelangen erste Durchbrüche, als ein Text über vier Zeilen entziffert werden konnte. Nun vermeldet das Team weitere Erfolge: Eine fragmentarische Rolle (PHerc. 1667) wurde vollständig virtuell ausgewickelt – der erhaltene Text erstreckt sich über 20 Spalten auf 1,5 Metern Länge. Eine weitere Rolle (PHerc. 172) offenbarte sogar 70 Spalten.

Besonders aufsehenerregend ist die Entdeckung in einer dritten Rolle (PHerc. 139): Dort fanden die Forscher den Titel und einige Wörter – es handelt sich um das 8. Buch von „Über die Götter“ des epikureischen Philosophen Philodemos von Gadara (110–50/40 v. Chr.). Bislang hatten Altphilologen angenommen, dass dieses Werk aus weniger Büchern besteht; auch war nicht klar, ob sich der im Grunde atheistische Philodemos überhaupt mit theologischen Fragen befasst hatte.

Die neuen Scans wurden am European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) im französischen Grenoble durchgeführt, das eine Auflösung von ein bis zwei Mikrometern erreicht – deutlich feiner als die bisherigen Scans mit acht Mikrometern. Ein Mikrometer ist ein Millionstel Meter, etwa ein Hundertstel der Dicke eines menschlichen Haares. Dank dieser extrem feinen Röntgenstrahlen können die einzelnen Papyrusschichten dreidimensional analysiert werden. An manchen Stellen sind die Buchstaben sogar ohne KI-Unterstützung für das bloße Auge sichtbar, weil die Tinte eine messbare Dicke aufweist.

Die Altphilologen um Federica Nicolardi von der Universität Neapel haben die entzifferten Texte gelesen und waren überrascht: Bei PHerc. 1667 handelt es sich um eine erkenntnistheoretische Abhandlung der Stoiker, möglicherweise verfasst von Chrysippos von Soloi (281/276–208/204 v. Chr.), einem berühmten Oberhaupt der Philosophenschule der Stoa. Bislang ging man davon aus, dass die Bibliothek ausschließlich Werke der Epikureer enthielt – der Fund eines stoischen Textes wirft neue Fragen auf.

„Zwischen den beiden Schulen herrschte eine Art Rivalität“, erklärt Kilian Fleischer von der Universität Tübingen, der Teil des Expertenteams ist. „Ich vermute, Philodem hat für seine eigenen Schriften stoische Texte genauer studiert und dann womöglich kritisiert.“ Der Name Aristokreon, der im Text auftaucht, ist für Gräzisten ein alter Bekannter: Es handelt sich um den Neffen des berühmten Stoikers Chrysipp, dem dieser mehrere Werke gewidmet hatte.

Die Methode der virtuellen Auswicklung ist nun so weit entwickelt, dass die circa 600 erhaltenen Buchrollen und Fragmente aus der Villa dei Papiri vollständig erschlossen werden können. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Papyri wieder lesbar sind“, sagt Brent Seales. Damit eröffnet sich ein Fenster in die antike Gedankenwelt, das seit fast 2000 Jahren verschlossen war.

Diese Geschichte ist zu gut, um sie für sich zu behalten.

So erzählst du es weiter

„Stell dir vor: 2000 Jahre alte verkohlte Buchrollen werden plötzlich lesbar – und enthalten völlig neue Texte von antiken Philosophen."

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